Privates Kultur- und Geschichtsprojekt. Keine Verbindung zum Eigentümer von Schloss Ramholz.
Detail der Fassade von Schloss Ramholz mit Fachwerkgiebel, Steinerker, Schornsteinen und Uhrturm

Architektur

Zwei Schlösser in einem

Was von der Zufahrt aus wie ein Gebäude wirkt, sind zwei, getrennt durch vierhundert Jahre. Die Fuge zwischen ihnen ist der frühere Eingang für Bedienstete und Lieferanten, das sogenannte Englische Höfchen.

Das Alte Schloss

1501 errichtet, als die Anlage seit knapp zwanzig Jahren der Familie von Hutten gehörte. Der Bau ist als Teil des heutigen Schlosses erhalten und trägt die Merkmale seiner Zeit: Staffelgiebel und einen Treppenturm. Er ist der einzige Gebäudeteil, der die gesamte Besitzerfolge überdauert hat.

Der Neubau und seine Architekten

Nach Hans Dorn trennte sich Hugo von Stumm zunächst wegen Unzuverlässigkeit von Gabriel von Seidl und ließ vom Berliner Büro Kyllmann und Heyden einen Gesamtlageplan fertigen. Den Auftrag für das Schloss erhielt der Marburger Universitätsbaumeister Carl Schäfer (1844-1908), dessen Gutshofbauten Stumm überzeugt hatten. 1892 wurde auch er abgelöst. Gabriel von Seidl kam zurück und überarbeitete Schäfers Pläne; ausgeführt wurden schließlich Schäfers Pläne in der Zeichnung Gabriels und Emanuels von Seidl. Der Rohbau entstand 1893 bis 1895 und vereinigt Elemente von Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus und Jugendstil. Über die Größe gehen die Angaben weit auseinander: 115 Zimmer auf rund 5.500 Quadratmetern nach der Verkaufsdokumentation von 2014, dagegen 150 Zimmer und 52 Kamine bei knapp 2.000 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche zuzüglich rund 2.500 Quadratmetern Keller- und Nutzräumen in der Lokalliteratur.

Der Bauherr, der fehlte

Nach den Forschungen von Horst Becker war Hugo von Stumm vermutlich nur ein- oder wenige Male in seinem neuen Schloss. Ein Foto in der Schlossbibliothek zeigt ihn 1898 bei einem Besuch seiner Familie. Die Bauzeit fiel unter Vormundschaft; der Vormund vertrat bis zu Stumms Tod seine Interessen in Ramholz und regelte die Finanzierung der letzten Bauprojekte.

Wie das Haus benutzt wurde

Im gesamten unteren Geschoss lagen die Repräsentationsräume, erkennbar an den großen Fenstern. Der eigentliche Wohnbereich lag im zweiten Stock. Die dritte Etage gehörte dem über zwanzigköpfigen Personal, mit Bügelzimmer, Wäschekammer und Stauräumen. Vor und nach dem Ersten Weltkrieg war das Haus ein Mittelpunkt für Empfänge mit Gästen aus Aristokratie, Diplomatie und Wirtschaft.

Die Hauptfassade

Sie ist ein Katalog der Stile. Ein barocker, reich verzierter Volutengiebel steht neben einem großen quadratischen Schlossturm, der einen mittelalterlichen Wehrturm zitiert. Dazu Erker in verschiedenen Formen, unterschiedlich angeordnete Fenster, Tudor-Fachwerkgiebel, ein Eingangsportal im Stil der Neorenaissance und eine reich ausgestaltete Dachlandschaft mit verzierten Schornsteinen.

Das Innere, 1979 beschrieben

Die einzige zeitgenössische Innenansicht stammt aus einer Stern-Reportage von 1979. Sie nennt echte Renaissance-Öfen und Kassettendecken, die die Stumms aus Italien einbauen ließen, Marmor- und Dienstbotentreppen, Muschelgrotten, Ball- und Speisesäle, einen großen Gobelin und einen kleinen Goya, eine Bibliothek mit Pergament-Folianten, ein Jagdzimmer und einen Weinkeller. Die Bauherren hatten nach der Familienüberlieferung auf einen Jagdbesuch Kaiser Wilhelms gehofft; er war versprochen und fand nie statt.

Der Wettbewerb der Brüder

Hugo von Stumm stand zeitlebens im Wettstreit mit seinen Brüdern Carl Ferdinand und Ferdinand Eduard. Beide errichteten auf ihren Landsitzen prächtige Schlösser, Schloss Halberg und Schloss Rauischholzhausen. Ramholz ist Hugos Antwort.

Weiß verputzter Bau mit Staffelgiebel und rot-weiß gestreiften Klappläden in Ramholz
Der weiß verputzte Bau mit Staffelgiebel und rot-weiß gestreiften Läden. Staffelgiebel und Treppenturm sind die Merkmale, die die Literatur dem Huttenschloss von 1501 zuschreibt.
Blick über die Parkwiese vom älteren Bau zum Historismusflügel von Schloss Ramholz
Vom älteren Bau über die Wiese zum Neubau. Der Höhensprung zwischen beiden Gebäuden zeigt, wie der Neubau an den Hang gesetzt wurde.
Detail der Fassade von Schloss Ramholz mit Fachwerkgiebel, Steinerker, Schornsteinen und Uhrturm
Fachwerkgiebel, steinerner Erker, gebänderte Schornsteine und Gaubenreihe. Links neben dem Turm, zwischen den Geschossen, die drei Wappenreliefs: Hutten und Degenfeld, dazwischen Stumm.
Steinerner Maskaron mit Bart und wildem Haar im Schlussstein eines Torbogens in Ramholz
Der Maskaron im Schlussstein des Torbogens. Solche Köpfe waren in der Bauzeit als Abwehrzeichen gedacht und gehören zum Repertoire der Seidl-Werkstatt.

Nebengebäude

Das Ensemble

Zur Gesamtanlage gehörten weit mehr als das Wohnhaus:

Wirtschaftshof
Unter Einbeziehung von Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert errichtet.
Maschinenhaus
Eigene Stromversorgung des Anwesens, gebaut in einer Zeit, in der das im ländlichen Hessen die Ausnahme war.
Orangerie
Von 1997 bis 2014 als Schlosscafé genutzt, seither ohne gastronomischen Betrieb.
Gärtnerei und Gewächshäuser
Versorgten Schloss und Park.
Forsthaus
1887 als erstes Gebäude im Park fertiggestellt, ursprünglich als Pförtnerhaus für den verworfenen oberen Schlossstandort gedacht.
Gruftkapelle
1901 bis 1905 nach Plänen Gabriel von Seidls im Jugendstil errichtet, Fresko von Otto Hupp. In der Gruft ruhen Hugo und Ludovica von Stumm und ihr Sohn.
Teehaus und Kegelbahn
Die Kegelbahn nach Entwurf Gabriel von Seidls um 1901 ist erhalten, das hölzerne chinesische Teehaus nicht; seine Baupläne existieren.
Angestelltenwohnhäuser
Für die Beschäftigten von Gut und Forstverwaltung.
Schloss Ramholz von der Vorfahrt aus: Hauptfassade mit Uhrturm, barockem Volutengiebel und Tudor-Fachwerkgiebel
Die Hauptfassade von der Treppe der Schlossfreiheit, etwa auf der Achse, die Hugo von Stumm vom Portal über den Brunnen bis zur Steckelburg zog. Links der Tudor-Fachwerkgiebel, in der Mitte der Uhrturm, rechts der barocke Volutengiebel.